• Nadine Rinderknecht

Schritte zur Vision (Teil 1 – Beherrsche die Grundlagen)

Aktualisiert: vor 1 Tag

Eine Vision kann eine nützliche Hilfe sein, um sich im Wirrwarr (auch genannt: Welt) zurechtzufinden und innovativere und weitsichtigere Lösungen zu entwickeln. Doch wie gelangt man zu einer Vision der Gesellschaft und des Rechts?


Level: Advanced




Inhaltsverzeichnis


Einführung

Chancen und Risiken von Visionen


Teil 1 – Beherrsche die Grundlagen:

1. Schritt: Lerne von der Vergangenheit

2. Schritt: Kenne die Megatrends

3. Schritt: Kenne die kleineren Trends

4. Schritt: Sehe (nicht) die Zukunft voraus


Teil 2 – Entwickle deine eigene Vision (kommt bald!)


Teil 3 – Wende deine Vision an (kommt bald!)



Einführung


Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller bewegt und dabei stets an Vielfältigkeit und Komplexität gewinnt. Immer mehr Objekte werden "smart", kommunizieren frenetisch miteinander und tauschen Daten aus. Es kommen neue Technologien auf den Markt samt innovativer Geschäftsmodelle und – letztlich – grossen Chancen aber auch Herausforderungen für die Gesellschaft. In einer solchen Welt ist es einfach, sich zu verirren, sein Ziel aus den Augen zu verlieren – oder überhaupt – ein Ziel ins Auge zu fassen. Will man aber innovative und weitsichtige Lösungen entwickeln ist ein übergeordnetes Ziel unumgänglich. Im Zentrum dieser Überlegungen steht eine Vision. Ringsum kreisen Lösungen, die im besten Fall sowohl konsistent untereinander als auch effektiv und weitsichtig sind. Doch wie gelangen wir in dieses Zentrum?


Bevor in diesem Teil 1 auf die Grundlagen, auf denen du später deine Vision aufbauen kannst, eingegangen wird, werden noch einige der Vor- und Nachteile von Visionen erwähnt. Danach zeigt der Beitrag auf, weshalb und wie von der Vergangenheit und den damaligen "Visionen" gelernt werden kann (1. Schritt). In den nächsten Schritten kann ein fundiertes Wissen über grössere (2. Schritt) und kleinere (3. Schritt) Trends der Zukunft als Grundlage und Inspiration für deine eigene Vision dienen. Zuletzt solltest du dich aber nicht der Illusion hingeben, dass du die Zukunft (zu grossen Teilen) vorhersehen kannst (4. Schritt). Im Teil 2 und Teil 3 wird dann auf die Entwicklung und Anwendung deiner Vision eingegangen...



Chancen und Risiken von Visionen


Eine Vision zu haben, bringt einige Chancen mit sich:

  • Eintauchen in die Zukunft: Setzt man sich mit zukünftigen Entwicklungen auseinander, beobachtet man die Welt aus einer anderen (futuristischeren) Perspektive. Daraus kann eine unterschiedliche Herangehensweise an Probleme resultieren. Beispielsweise erkennt man eine bestimmte Tendenz, die in eine neue Richtung geht. Die Ressourcen sind dann auf die sich daraus ergebenden, möglichen Probleme zu lenken und nicht auf aktuelle Probleme, die infolge der zukünftigen Entwicklungen womöglich keine mehr sein werden (z.B. weil der Markt stärker reguliert und so die Notwendigkeit einer rechtlichen Regulierung reduziert).

  • Das grosse Ganze erkennen: Eine Vision erlaubt es einem das grosse Ganze zu erkennen und sich nicht in Kleinigkeiten zu verlieren. Dies ist besonders in einer vielseitigen und komplexen Welt wertvoll.

  • "Intellektueller Kompass": Es kristallisiert sich eine Vorstellung heraus, wo die Reise hingehen soll. Dies führt dazu, dass man keine oder zumindest weniger Energie und Ressourcen in untaugliche und nicht-zukunftsfähige Lösungsansätze steckt.

  • Kohärentere und weitsichtigere Lösungen: Dies ist besonders in einer Gesellschaft mit einer rasanten (technologischen) Entwicklung notwendig. Da Gesetze nicht alle paar Jahre totalrevidiert werden können, sind stabile Lösungen gefragt, die nicht nur heute, sondern auch in naher Zukunft noch sinnvoll sein werden.

  • Innovativere Lösungen: Wer in die Zukunft schaut, der erkennt neue Entwicklungen, neue Chancen und Risiken. Dies heisst wiederum, dass die gedanklichen Grundlagen der eigenen Lösungen sich von denjenigen des heutigen Mainstreams unterscheidet, lebt dieser doch weitestgehend in der Gegenwart. Damit öffnet sich Tür und Tor für innovative Gedanken und Lösungen.


Es können sich allerdings auch einige Risiken ergeben:

  • Entfernung von der Realität: Eine Vision zu haben bedeutet immer auch, sich gedanklich von der Realität zu entfernen. Dies kann dazu führen, dass Lösungen vorgeschlagen werden, die nicht auf die heutige Gesellschaft und ihre aktuellen Probleme passen. Zudem kann es anders kommen als man denkt, sodass die entwickelte Lösung auch nicht mehr auf die Zukunft passen wird.

  • Übermässig abstrakte Ausführungen: Hat man das grosse Ganze erkannt, besteht ein gewisses Risiko, dass die Lösungen auf einer übermässig abstrakten Ebene gehalten werden. Solche Lösungen sind gar nicht oder nur wenig operabel und sollten deshalb konkretisiert werden.

  • Statischer "intellektueller Kompass": Ein Kompass soll den Weg weisen. Ist es allerdings ein intellektueller Kompass besteht das Risiko, dass die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen aus den Augen verloren werden und der "Norden" nicht mehr daran angepasst wird. Dies kann dazu führen, dass der Kompass statisch und zunehmend unrealistisch wird, was entsprechende Auswirkungen auf die davon abgeleiteten Lösungen hat.

  • Utopischer oder dystopischer "intellektueller Kompass": Geht man noch einen Schritt weiter weg von der Realität, kann man leicht in eine Utopie oder Dystopie verfallen. Ein guter Lösungsansatz muss aber realistisch und ausführbar sein.

  • Zurückhaltende Lösungen: Eine Vision und davon abgeleitete Lösungen können ein sehr effektives Mittel zur gesellschaftlichen Gestaltung sein. Dies trifft aber dann nicht auf sie zu, wenn sie nur in den Köpfen der Visionäre leben. Einerseits sollen Lösungen nicht zu extrem (utopisch oder dystopisch) ausfallen. Andererseits sollen sie auch nicht übermässig zurückhaltend sein. Damit würde der innovative Wert der Idee nur geschmälert werden, wodurch sie sich dem Mainstream annähert und die Diskussion kaum voranbringt. Will man sich aber von vornherein nahe am Mainstream positionieren, braucht man nicht den Umweg über eine Vision zu gehen.

Nachdem nun einige der Vor- und Nachteile geklärt wurden, werden im Folgenden die ersten vier Schritte auf dem Weg zur Vision dargestellt.



1. Schritt: Lerne von der Vergangenheit


Bevor du in die Zukunft eintauchst, kann es sinnvoll sein, von den Irrtümern und Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Oft sind in der Vergangenheit geäusserte Zukunftsvisionen aus verschiedenen Gründen nicht eingetreten. Sind uns aber diese Gründe bekannt, können wir den Lauf der Geschichte etwas genauer vorhersehen, diese als Inspiration nutzen und darauf unsere Vision aufbauen.


Das folgende Video ist ein nützlicher Einstieg, um von den Irrtümern der Vergangenheit zu lernen:



Das Video zeigt, dass unsere Vorstellung von der Zukunft oft "nur" eine extremisierte Gegenwart ist: Eine heutige Entwicklung geht schneller, höher, weiter. Aber im Kern ist sie immer noch dieselbe (inkrementelle Entwicklung). Was der Mensch aber kaum vorhersehen kann, ist ein qualitativer Sprung ins Neue (radikale oder gar disruptive Entwicklung). Beispielsweise zeigt das Video mechanische Technologien wie Putzmaschinen oder Erntehelfer, die noch vom Menschen gesteuert und überwacht werden müssen. Das, was die heutigen Technologien aber ausmacht, sind gerade Autonomie, "Smartness" und Digitalisierung. Dieser qualitative Sprung konnte also nicht vorhergesehen werden. Oder wie es zutreffend im Video beschrieben wird:


"Es scheint, als hätte man damals nicht über den Tellerrand hinausschauen können. Alle Vorstellungen waren zwar futuristisch, aber eben auch nur futuristische Versionen von Dingen, die es bereits gab. Man konnte zwar weiterdenken, aber nichts wirklich neues erdenken." (4:20)

Im Ergebnis verläuft die Zukunft also nur für eine bestimmte Zeit linear, bis eine disruptive Entwicklung auftaucht, mit der man – aus heutiger Sicht – kaum rechnen konnte. Die quantitativen Entwicklungen sind also im Grossen und Ganzen vorherzusehen, jedoch sollten sie nicht überschätzt werden. Dahingegen wird das Auftreten von qualitativen Entwicklungen (welchen auch immer...) oft unterschätzt. "Ich glaube, es gibt einen weltweiten Bedarf an vielleicht fünf Computern", prognostizierte Thomas Watson 1943 als Chairman von IBM. Am Ende ist es dann doch etwas anders gekommen... Die theoretische Möglichkeit, dass eine aus heutiger Sicht "verrückte" und "absurde" Idee sich einmal zum gesellschaftlichen Mainstream entwickeln könnte, darf also nicht ausgeschlossen werden. "Sag niemals nie", denn es sind gerade diese disruptiven Innovationen, die einen fundamentalen Einfluss auf die Zukunft haben werden.



2. Schritt: Kenne die Megatrends


Ein ungetrübter Blick, der weit in die Zukunft reicht, ist nicht möglich. Und doch gibt es gewisse Trends, die:

  • mehrere Jahrzehnte andauern,

  • sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche auswirken (z.B. Politik, Wirtschaft, Ethik, Alltag),

  • als globale Phänomene früher oder später die gesamte Welt umspannen und

  • vielschichtig und mehrdimensional sind.

Diese sog. Megatrends lassen die Konturen der Zukunft der nächsten Jahre und Jahrzehnten immerhin erahnen. So hat das zukunftsInstitut, von dem die hier benutzte Definition der Megatrends stammt (siehe hier mehr dazu), eine Megatrend-Map erarbeitet, welche die 12 wichtigsten Megatrends und ihre jeweiligen Einzelphänomene aufzeigt und miteinander verknüpft:

Quelle: https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/die-megatrend-map/

Welche sind also die 12 wichtigsten Megatrends? Hier findest du eine Liste davon. Wenn du mehr über einen Megatrend erfahren möchtest, klicke einfach auf den Link und du kannst den entsprechenden Beitrag auf der Website des zukunftsInstitut lesen:

Gemäss dem zukunftsInstitut ist diese Map ein "mächtige[s] Tool für die Zukunftsplanung" – oder eben auch für eine generelle Zukunftsvorhersage. Allerdings muss beachtet werden, dass selbst Megatrends sich anders entwicklen können als erwartet. Trotzdem kann dies ein nützliches Tool sein, um immerhin eine grobe Ahnung von der Zukunft zu bekommen und sich davon inspirieren zu lassen.



3. Schritt: Kenne die kleineren Trends


Willst du eine Vision erschaffen, kann es auch nützlich sein, kleinere Trends zu kennen. Dazu muss beachtet werden, dass diese – anders als Megatrends – volatiler und deshalb weniger verlässlich sind. Sie haben aber den Vorteil, dass sie unsere Vorstellung von der Zukunft mehr konkretisieren können.


Kleinere Trends finden sich beispielsweise im Hype Cycle vom 23. August 2021 (oder auch in den Hype Cycles der letzten paar Jahre). Hier siehst du den aktuellen Hype Cycle for Emerging Technologies:


Quelle: https://www.gartner.com/smarterwithgartner/3-themes-surface-in-the-2021-hype-cycle-for-emerging-technologies

Kurzum: Auf dem Hype Cycle des Forschungs- und Beratungsunternehmens Gartner Inc. ist ersichtlich, welche Technologien sich voraussichtlich auf dem Weg zu einem Hype befinden, welche zurzeit gehypt werden („Peak of Inflated Expectations“) und welche einen Hype bereits hinter sich gelassen haben und gerade zum Mainstream werden (wie du allerdings auch siehst, ist Gartner zurückhaltend und platziert die meisten Technologien vor oder beim Hype. Danach sieht es ziemlich leer aus...). Wenn du mehr über den Hype Cycle erfahren möchtet, kannst du gerne bei meinem anderen Beitrag vorbeischauen.


Beachte dazu auch dieses Zitat des Zukunftsforschers Roy Amara: „Wir neigen dazu, die kurzfristige Wirkung einer Technologie zu überschätzen [vgl. Hype bzw. Peak of Inflated Expectations] und die langfristige Wirkung zu unterschätzen [vgl. Plateau of Productivity].“ (Amaras Gesetz).


Weitere Entwicklungen, die sich in den nächsten 10 Jahren ergeben könnten, finden sich auch in diesem Video:



Kurzer Überblick über die möglichen Entwicklungen der nächsten 10 Jahre:

  • Selbstfahrende Autos,

  • ITER (Kernfusionsreaktor),

  • In-vitro-Fleisch,

  • CRISPR/Cas9 und Designer Babies,

  • Implantierte Technologie und Cyborgs,

  • Weiterentwicklung der KI.

Um die KI und ihre verschiedenen positiven und negativen Zukunftsszenarien geht es auch im nächsten Video (ja, ich bin ein Fan dieses Kanals...). Es empfiehlt sich unbedingt, das Video anzuschauen, da es einen vielseitigen und visuell gut aufbereiteten Einblick in sechs mögliche Szenarien bietet:



Kurzer Überblick über die sechs Szenarien:

  • Szenario 1: Der Weltenlenker,

  • Szenario 2: Der Manipulator,

  • Szenario 3: Das Land ohne Sorgen,

  • Szenario 4: Der Kontrollverlust,

  • Szenario 5: Der Robo Sapiens,

  • Szenario 6: Die Emanzipation.

Wie im Video allerdings auch gesagt wird, könnte die Zukunft auch aus einer Kombination einiger oder aller Szenarien bestehen. Zudem muss m.E. angemerkt werden, dass das Negative in den Szenarien oft überwiegt bzw. den grossen Chancen auch gewichtige Risiken gegenüberstehen. Es wird also massgeblich darauf ankommen, ob wir in den nächsten Jahren die Chancen werden nutzen und gleichzeitig die Risiken werden reduzieren können.



4. Schritt: Sehe (nicht) die Zukunft voraus


Auch wenn man ein fundiertes Wissen über kleinere und grössere Trends hat, sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass die Zukunft (genau) vorhergesehen werden kann. Nur das Ungewisse ist gewiss – ausser man ist ein Hellseher oder ein disruptiver Unternehmer. Ersterer existiert allerdings nicht und der Zweite sieht die Zukunft nicht voraus, sondern er schafft sie.


The best way to predict the future is to create it. - Abraham Lincoln

Wenn du also weder ein Hellseher noch ein disruptiver Unternehmer bist, dann gehe zum nächsten Schritt über.


Halt! Doch nicht. Bedenke... Wann auch immer eine neue (disruptive) Technologie auf den Markt kommt, hat sie womöglich grosse und "unüberwindbare" Nachteile. Auch wenn du dir persönlich nicht vorstellen kannst, dass die Vorteile jemals überwiegen könnten, schreibe die Technologie noch nicht ab. In anderen Worten: Keine Überbewertung der Risiken und Unterbewertung der Chancen. Hat die Technologie ein gewisses Potential, kannst du dir sicher sein, dass mindestens ein Unternehmer einen Weg finden wird, das Verhältnis umzukehren und hauptsächlich Chancen herbeizuführen. Dies könnte dann zu einer grösseren Diffusion der Technologie und letztlich Einbindung in den Alltag vieler Menschen führen (so geschehen z.B. beim PC oder Internet). Technologie-Pessimismus bringt nicht weiter, sondern versperrt nur den Blick auf Chancen.



Der zweite Teil dieses Beitrags kommt bald...




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