• Nadine Rinderknecht

7 Tipps zum Paper über die Digitalwirtschaft

Aktualisiert: 28. Dez 2021

Die Digitalwirtschaft führt nicht nur zu neuen Chancen sondern auch zu einer Vielzahl von Herausforderungen. Doch was sollte man beim Verfassen eines rechtlichen Papers über die Digitalwirtschaft alles beachten? Hier sind meine 7 Tipps.


Abbildung 1

Tipp 1: Alte Lösungen auf „neue" Probleme anwenden

Auf den ersten Blick scheint die Digitalwirtschaft eine Unmenge an neuen Fragen aufzuwerfen - und damit einen erhöhten Bedarf nach neuen Lösungen. Bei genauerer Betrachtung ist es aber in vielen Fällen so, dass sich die „neuen" Problematiken der Digitalwirtschaft nicht wesentlich von altbekannten Problemen unterscheiden. Auch wenn man am liebsten das gesamte Recht neu erfinden möchte ist zunächst die Anwendung bestehender Ansätze zu diskutieren. In vielen Fällen können diese auf die neuen Probleme angewendet werden und brauchen - wenn überhaupt - nur in einigen Punkten abgeändert zu werden.

Sollte die neue Problematik allerdings in vielen Punkten nicht auf das alte Konzept passen, kann sich durchaus ein neuer Regelungsansatz rechtfertigen. Dies allerdings nur dann, wenn auch überzeugende Argumente geliefert werden können. Ist man selbst nicht von der eigenen Lösung überzeugt, sollte man eher auf das Altbekannte ausweichen.

Fazit: Auch in der Digitalwirtschaft muss das Rad nicht immer neu erfunden werden. Oft genügt es, wenn alte Lösungen einfach nur in einigen Bereichen angepasst werden.


Tipp 2: „Neue" Probleme zurückhaltend diskutieren und relativieren

Dieser Tipp weisst gewisse Ähnlichkeiten mit dem Tipp 1 auf. Auch hier geht es um eine gewisse Zurückhaltung, allerdings nicht in Bezug auf neue Lösungen, sondern auf das Diskutieren neuer Probleme. Die Schnelllebigkeit der Digitalwirtschaft bringt es mit sich, dass viele Entwicklungen noch neuerer Natur sind. Oder dass sie noch gar nicht aufgetreten sind, aber die Lehre (oder ein Teil davon) ein erhöhtes Gefährdungspotential vermutet. Oft sind dies aber noch Vermutungen und noch keine Tatsachen, die bereits durch Analysen fundiert erforscht worden wären (z.B. ökonomische/psychologische Analysen). In einer solchen Fallkonstellation kann - und sollte - man durchaus das Aufkommen neuer Probleme diskutieren und passende Lösungen vorschlagen. Allerdings immer mit der Relativierung, dass die Sachlage derzeit noch unklar ist und es weiterer Analysen bedarf.

Fazit: Für neue Probleme kann man durchaus ein (neuer) Lösungsansatz diskutieren. Allerdings ist ggf. die faktische Wichtigkeit des Problems zu relativieren.


Tipp 3: Vor- und Nachteile ansprechen

Bereits in der Einleitung zu diesem Beitrag kommt zum Ausdruck: die Digitalwirtschaft bringt nicht nur Nachteile mit sich sondern auch Vorteile. Befasst sich das Paper schwerpunktmässig mit Nachteilen, sollte am Anfang immer auch kurz auf die Vorteile hingewiesen werden. Die Betrachtung wird so ausgewogener und globaler. Einige Autoren kritisieren allerdings, dass die Lehre generell den Schwerpunkt auf die Probleme legt. Stattdessen fordern sie einen verstärkteren Fokus auf die Vorteile, welche die Digitalwirtschaft bzw. Technologien auf das Recht haben kann (und umgekehrt). Beispielsweise können das (Wettbewerbs-)Recht und die Blockchain gemäss Thibault Schrepel erheblich voneinander profitieren, wenn sie zusammenarbeiten (siehe etwa hier). Wird der Fokus auf die Vorteile gelegt, sind umgekehrt aber auch kurz die Nachteile zu behandeln.

Fazit: Die Nach- bzw. Vorteile einer Entwicklung/Technologie sind nicht zu vergessen.


Tipp 4: Den Überblick nicht verlieren

Die Digitalwirtschaft kann, besonders wenn man sich noch nicht damit auseinandergesetzt hat, zunächst überwältigend weit und komplex erscheinen. Zunächst sollte man sich deshalb eine globale Übersicht über die neueren technologischen und rechtlichen Entwicklungen verschaffen. Nützlich hierzu sind beispielsweise Aufsätze über die Entwicklungen in einem Rechtsgebiet in einem bestimmten Jahr (siehe etwa hier) oder eine Zusammenstellung von must read Papers (siehe etwa hier). Hat man eine generelle Übersicht erreicht, darf sie allerdings nicht mehr verloren gehen. Allzu häufig verirren sich Paper in Kleinigkeiten und verlieren das grosse Ganze aus den Augen. Eine holistische Sicht ist bei neuen Entwicklungen aber unumgänglich, da ansonsten keine sachgerechten Lösungen gefunden werden können.

Zuletzt gehört zu einem Überblick m.E. auch ein zeitliches Element: Infolge der Schnelllebigkeit der Digitalwirtschaft drohen die Lösungen von heute bereits morgen wieder obsolet zu werden. Deshalb sollte auch ein Überblick über eher futuristische Entwicklungen und Technologien aufgebaut werden (z.B. Emerging Technologies, neue Formen der Ökonomie). Dabei sollte man nur kurz- bis höchstens mittelfristig in die Zukunft blicken, da ansonsten die Kritik der Science-Fiction droht.

Fazit: Es sollte ein weiter Überblick über die (neuen) rechtlichen und technischen Entwicklungen aufgebaut werden.


Tipp 5: Interdisziplinär schreiben

Eine interdisziplinäre Betrachtung ist ein sinnvolle Herangehensweise besonders in komplexen Konstellationen. Dies gilt gerade auch für die Digitalwirtschaft, wo das Recht auf Technik und Ökonomie trifft. Deshalb sollten im Literaturverzeichnis auch Paper aufgeführt werden, die sich nicht mit Recht, sondern ausschliesslich mit Technik oder Ökonomie beschäftigen. Darüber hinaus kann man sich auch von anderen Fachrichtungen inspirieren lassen und/oder eine rechtliche Analyse darauf aufbauen. Nicht zuletzt können Fakten aus anderen Fachrichtungen auch dazu dienen, rechtliche Argumente zu unterstreichen (z.B. „Die Technologie XY sorgt für ein gigantisches Marktwachstum von XY% jährlich und wird deshalb wohl eine zunehmende rechtliche Bedeutung gewinnen können").

Fazit: Wird über das Recht hinaus auf andere Fachrichtungen geblickt, kann für das Paper ein Mehrwert generiert werden.


Tipp 6: Ein subsidiäres Paper haben

Dieser Tipp gilt besonders für diejenigen, die sich erst seit kurzer Zeit mit der Digitalwirtschaft beschäftigen und noch kein fundiertes Wissen ansammeln konnten. Sollte euch aber bereits schon eine interessante Forschungsfrage eingefallen sein, die allerdings hochkomplex ist und ein umfassendes Wissen erfordert (z.B. Fundamentalkritik), kann sich m.E. ein subsidiäres Paper anbieten. Dies ist ein Paper, das über einen längeren Zeitraum hinweg mit Gedanken und Notizen gefüllt wird, während man sich weiter (auch im Rahmen anderer Paper) mit der Digitalwirtschaft beschäftigt und so nach und nach ein besseres Verständnis davon gewinnen kann. So können aus den anfangs noch unausgereiften Notizen mit der Zeit sehr ausgeklügelte Lösungen heranreifen. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ihr jederzeit dazu bereit sein müsst, eure alten Gedanken zu hinterfragen und ggf. die Notizen wieder zu löschen, sollten sie nicht mehr überzeugend sein.

Alternativ kann natürlich solange mit dem herausfordernden Paper gewartet werden, bis man das nötige Wissen aufweist. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass bereits am Anfang einige wertvolle Gedanken aufkommen. Schreibt man diese nicht nieder, läuft man Gefahr, diese wieder zu vergessen und nicht mehr darauf aufbauen zu können.

Fazit: Besteht eine spannende, aber herausfordernde Forschungsfrage, sollte ihr trotzdem in einem subsidiären Paper nachgegangen werden.


Tipp 7: Sich nach vorne „drängeln"

Dieser letzte Tipp wird nicht auf alle Persönlichkeitstypen passen. Einige möchten sich im Bekannten und Sicheren bewegen, andere brauchen den Freiraum des Neuen und Ungewissen. Setzt man sich mit der Digitalwirtschaft auseinander, besteht infolge ihrer Schnelllebigkeit das (Un-)Glück, dass sich stets neue Bereiche eröffnen, die wenig bis gar nicht in der rechtswissenschaftlichen Literatur behandelt wurden. Das Neue und Ungewisse beherrscht die Digitalwirtschaft also mehr als andere Bereiche. Doch man kann es noch weiter in die Richtung des unbekannten Freiraums treiben...

Mir kam es am Anfang so vor, wie wenn ich in einer weiten Menschenmasse stehen würde, in der die Leute dicht nebeneinander standen (diese Metapher gilt auch in Corona-Zeiten...). Je weiter man aber noch vorne blickte, desto weniger Leute gab es. Möchte man sich also nach vorne in den freien Bereich durch die Menschenmasse „drängeln", sollte man nicht nur die neuesten, sondern auch die innovativsten Paper lesen. Auf diesen vorausschauenden Gedanken kann sodann das eigene Paper aufbauen (z.B. Kombination oder Weiterentwicklung der innovativen Lösungsansätze). Dieses Vorgehen hat nicht nur einen positiven Effekt auf die Weitsichtigkeit (siehe Tipp 4), sondern es erlaubt einem im besten Falle auch, sich nach vorne auf eine Gegend zuzubewegen, die noch nicht erkundet worden ist. Letztlich geht dieser Tipp aber mehr in die Richtung „Wie schreibt man ein innovatives Paper?", auf das im Beitrag 9 Tipps zum innovativen Paper noch vertieft eingegangen wird.

Fazit: Nach meiner persönlichen Ansicht gibt es nichts schlimmeres, als ein 0815-Paper zu schreiben. Macht den Unterschied und „drängelt" euch nach vorne!



Seid ihr mit meinen Tipps einverstanden? Oder habt ihr Verbesserungsvorschläge? Schreibt es gerne in die Kommentare!

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