• Nadine Rinderknecht

Mind Reading (Sheet Nr. 3)

Aktualisiert: 15. Dez 2021

Das Mind Reading wurde lange Zeit der Science Fiction zugeordnet. Doch Fortschritte in den Neuro- und Computerwissenschaften ermöglichen dieser Technologie einen schrittweise Übergang in die Realität. Doch was ist eigentlich das Mind Reading?


Abbildung 1

Aktuelles und „futuristisches“ Mind Reading

Immer die Augen, die einen beobachteten, die Stimme, die einen umgab. Im Wachen oder im Schlaf, bei der Arbeit oder beim Essen, drinnen oder draußen, im Bad oder im Bett – es gab kein Entrinnen. Nichts gehörte einem, bis auf die paar Kubikzentimeter im eigenen Schädel. - George Orwell, 1984

Die Technik ist längst in die Gedankenwelt des menschlichen Schädels eingedrungen. Zum einen kann durch die Analyse der Körpersprache und des Gesichtsausdrucks mittels künstlicher Intelligenz (KI) auf die Gedanken eines Menschen geschlossen werden. Darüberhinaus ermöglichen andere Verfahren wie das Auswerten der digitalen Spuren des (Kauf-)Verhaltens einer Person – neben Rückschlüsse auf ihre Gedanken – sogar auch Prognosen über ihr zukünftiges Verhalten oder gar ihre Verhaltensbeeinflussung (sog. Nudging).

Futuristisch muten hingegen Technologien an, welche nicht durch die Auswertung eines äusserlich wahrnehmbaren Verhaltens auf die Gedanken schliessen, sondern durch das Messen der Gehirnaktivität des Denkenden. In der Tat wurde diese Art des Mind Readings lange Zeit der Science Fiction zugeordnet. Doch Fortschritte in den Neurowissenschaften und den Computerwissenschaften wie der KI ermöglichen dieser Technologie einen schrittweise Übergang in die Realität. Als Triebkraft offenbart sich jedoch nicht der isolierte Fortschritt der jeweiligen Bereiche, sondern ihre Vereinigung zu einer Technologie basierend auf Mind Reading Computern und KI. Relativierend kommt allerdings hinzu, dass der Weg in die Realität noch weit ist, dauert er doch voraussichtlich noch mehr als zehn Jahre.


Mind Reading Technology

Das Mind Reading wird definiert als die Fähigkeit, auf den Geisteszustand anderer Menschen schliessen zu können. Die dazu benutzte Technologie ist der sog. Mind Reading Computer (MRC). Aufgrund dieser weiten Definition werden sowohl die oben genannte Verhaltensanalyse sowie auch das eher futuristisch anmutende Messen der neuralen Aktivität des Gehirns erfasst. In den folgenden Ausführungen wird unter „Mind Reading“ aber nur das Schliessen auf die Gedanken durch das Messen der Gehirnaktivität verstanden, da im Sheet Nr. 3 das Verhältnis zwischen Urheberrecht und der konkreten Vorstellung im Kopf des Denkenden zentral ist. Diese lässt sich aber nur durch das Messen der Gehirnaktivität genügend akkurat beschreiben.

Eine Messung der neuralen Aktivität kann entweder invasiv oder nicht-invasiv erfolgen. Im ersten Fall werden Elektroden benutzt, welche unter die Kopfhaut implantiert werden. Dahingegen wird die Gehirnaktivität im zweiten Fall durch schädel-externe Geräte gemessen (sog. Neuroimaging).

Abbildung 2

Nach dem Messen der Gehirnaktivität werden die Daten häufig durch die KI ausgewertet, sodass das Ergebnis noch akkurater wird. So konnten die Gedanken von Probanden in Sätze oder Bilder (siehe Abbildung 2) „übersetzt“ werden. Allerdings sind sie – trotz KI – in vielen Fällen noch (sehr) ungenau. Diese Forschungsprojekte lassen jedoch erahnen, welche in Zukunft die Möglichkeiten des Mind Readings sein könnten.





Key Take-Aways: Sheet Nr. 3 (Schweizerisches Urheberrecht)

  • Infolge Mind Reading vollzieht sich eine Spaltung zwischen dem alltäglichen (Gedanke) und dem urheberrechtlichen (materialisiertes Werk) Ideenbegriff.

  • Wird ein Gedanke in Echtzeit analysiert, erfolgt die Materialisierung der Idee bereits im Zeitpunkt ihrer Entstehung. Damit verliert das Konzept der Idee an Wichtigkeit.

  • Schöpfungsakt bzw. das Äussern des Gedankens in eine wahrnehmbare Ausdrucksform erfolgt beim Mind Reading durch die Darstellung des Gedankens auf dem Display des MRCs.

  • Schöpfer ist der Erschaffer der Ausdrucksform – nicht der Idee. Allerdings ist zwischen dem menschlichen Erzeuger der Idee und einem technischen Ausdruckenden der Idee zu unterscheiden. Im Ergebnis soll der schöpferisch denkende Mensch, der einen MRC als blosses Schöpfungsmittel benutzt, als urheberrechtlicher Schöpfer anerkannt werden.

  • Schlägt sich der kreative Einfluss der Künstlerin auf die Form des MRC bzw. KI-Ergebnisses nieder, weil sie die Technik bloss als Werkzeug eingesetzt hat, so ist die Künstlerin und nicht die KI (de lege ferenda) als Schöpferin anzusehen (traditionelles Problem der KI als „Schöpferin").

  • Massgeblich ist, wie akkurat MRC und KI den konkreten Gedanken abbilden (werden). Je fortschrittlicher die Technologie wird, desto mehr wandert sie von einem „kreativen Analphabeten“ zu einem „sklavischen Leser“ der menschlichen Gedanken. Im ersten Fall könnte die Technik (de lege ferenda) noch als Schöpferin gelten, im zweiten Fall wohl nicht, da das Ergebnis mit zunehmendem technischen Fortschritt in Richtung menschlich-autonomer Schöpfung tendiert.

  • Wichtige Werkarten sind: Sprachwerke (Übersetzen in Sätze) und visuelle Werke (Übersetzen in Bilder). Werden nach der Messung der Gedanken weitere technische Hilfsmittel wie 3D/4D-Drucker eingesetzt, sind auch etwa Werke der angewandten Kunst denkbar.

Für mehr Informationen gehe zum Sheet Nr. 3!


Weiterführende Literatur

  • Arian Petoft, Neurolaw: A brief introduction, in: Iranian Journal of Neurology, 14(1) (2015), 53 ff.

  • Cheryl Ann, A Mind-Reading A.I., in: Medium vom 8. Dezember 2019

  • Elon Musk, Neuralink Launch Event, YouTube, 16. Juli 2019

  • Elon Musk/Neuralink, An Integrated Brain-Machine Interface Platform With Thousands of Channels, in: Journal of Medical Internet Research, 21(10) (2019), e16194

  • Guohua Shen et al., Deep image reconstruction from human brain activity, in: PLoS Computational Biology, 15(1) (2019), e1006633

  • Joseph G. Makin/David A. Moses/Edward F. Chang, Machine translation of cortical activity to text with an encoder–decoder framework, in: Nature Neuroscience, 23 (2020), 575 ff.

  • Marcello Ienca/Roberto Andorno, Towards new human rights in the age of neuroscience and neurotechnology, in: Life Sciences, Society and Policy, 13(5) (2017), 1 ff.

  • Michelle Ng Perez/Rachel Cohen, Uploading the Mind: The Basics and Ethics of Whole Brain Emulation, in: Amber Zhou et al. (Hrsg.), Science In Society Review, Frühling 2019, 30 ff.

  • Oscar Schwartz, Mind-reading tech? How private companies could gain access to our brains, in: The Guardian vom 24. Oktober 2019

  • Pieter R. Roelfsema/Damiaan Denys/P. Christiaan Klink, Mind Reading and Writing: The Future of Neurotechnology, in: Trends in Cognitive Sciences, 22(7) (2018), 598 ff.

  • Prince Ghuman, Neuromarketing and the Future of A.I. Driven Behavior Design, TEDx Talk, Februar 2020

  • Soumi Mitra/Asoke Nath, Mind-Reading Computers: Towards A New Horizon in Medical Science, in: International Journal of Computer Sciences and Engineering, 7(1) (2019), 915 ff.

  • Xiayin Zhang et al., The combination of brain-computer interfaces and artificial intelligence: applications and challenges, in: Review Article on Medical Artificial Intelligent Research, 8(11) (2020), 1 ff.


Bildnachweise


0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen